European Newspaper Congress grübelt über Facebook

Wien/Menlo Park (APA) - Facebook regulieren, Facebook boykottieren, Facebook kopieren? Beim European Newspaper Congress in Wien suchte die Branche einmal mehr nach Strategien, wie mit dem sozialen Netzwerk umzugehen ist. Die Wortmeldungen bei der Podiumsdiskussion zum Thema reichten von düsteren Demokratie-Szenarien bis zur pragmatischen Einschätzung von Facebook als Distributionskanal.

Corinna Milborn (Puls 4) warnte vor der "zerstörerischen Kraft, die Massenmedien entwickeln können". Der Facebook-Algorithmus reihe "Hass, Lügen, Hetze hinauf", Facebook fühle sich dafür aber nicht verantwortlich. Dies sei ein "Angriff auf die Art, wie Demokratie funktioniert". Milborn, die gemeinsam mit ProSiebenSat.1Puls4-Chef Markus Breitenecker ein Buch über diese Thematik - "Change the Game" erscheint im Juni - geschrieben hat, stört vor allem, dass sich Plattformen wie Facebook nicht an die selben Regeln wie klassische Medien halten müssen. Doch "Facebook ist Herausgeber eines sehr mächtigen Massenmediums: des Newsfeeds."

"Zeit"-Geschäftsführer Rainer Esser sieht das alles viel gelassener. Die Darstellung von Facebook als "Evil Empire" findet er überzogen: Auf dem "riesigen Marktplatz" gebe es "sehr viel Freude, viel Informationen, dass es da auch ein paar Kriminelle auf dem Marktplatz gibt, ist leider in der Menschheit so". Die "Zeit" arbeite "sehr gerne mit Facebook zusammen" und erziele dadurch Online-Traffic. Es brauche Regulierungen, räumte Esser ein, aber grundsätzlich "können wir als Verlage viel lernen von Facebook". Etwa: "die Zentrierung auf den Nutzer". Jegliche Gegeninitiative von klassischen Medien müsse sich das "Engagement der Nutzer", wie Facebook, auf die Fahnen schreiben. "Wenn die Leute mehr Zeit auf Facebook als auf 'Zeit online' verbringen, ist das nicht das Problem von Facebook, sondern von 'Zeit online'."

Viele Themen werden vermischt

Facebook sei "nicht besser im Inhalt, sondern besser darin, den Inhalt zu aggregieren", hielt Max Schrems, bekannt geworden mit seinen Klagen gegen das Netzwerk, fest. Ihm wird in der Debatte zu viel vermischt: die Technologie, die Plattform, der Algorithmus, das Geschäftsmodell. Der strengste regulatorische Rahmen sei sinnlos, wenn die Vorschriften nicht durchgesetzt werden, kritisierte er. Mit seinem neuen Verein werde er noch im Mai die ersten Beschwerden einbringen. Etwa gegen die "Zwangszustimmung", die Google-User abgeben müssten, um die Suchmaschine und ihre Dienste zu nutzen.

Regulierungsschritte "beherzter als bisher" erwartet sich Thomas Krüger, Präsident der deutschen Bundeszentrale für politische Bildung. "Es geht nicht um Verteufelung", betonte er, warnte aber in seiner Keynote auch vor einem "globalen Datenkolonialismus" und einem "mephistophelischen Pakt". Medien, Unternehmen und Institutionen müssten abwägen: "Was nimmt man in Kauf für das, was man kriegt" durch eine Präsenz auf Facebook. "Wir zahlen einen relativ hohen Preis, das ist noch nicht im öffentlichen Bewusstsein angekommen."

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