Künstliche Intelligenz könnte BIP um 1,2 Prozent steigern

Wien (APA) - Künstliche Intelligenz (KI) ist in der Industrie erst seit wenigen Jahren ein Thema, seit einem Jahr mit steiler Kurve nach oben. Die Transformation geschieht mit einer unglaublichen Geschwindigkeit, wobei neben den USA auch China und Indien ganz vorne mitmischen. Österreich, aber auch andere mitteleuropäische Länder wie Deutschland, hinken hinterher, zeigt eine BCG-Untersuchung.

Dabei könnte bei Nutzung künstlicher Intelligenz die Wertschöpfung Österreichs im Laufe der kommenden zehn Jahre um 5 Mrd. Euro oder 1,2 Prozent des Wirtschaftsleistung steigen, sagte Hannes Pichler, Partner bei der Boston Consulting Group (BCG), am Montag vor Journalisten in Wien. Das Potenzial sei gewaltig. Erfahrungen zeigen, dass Transportwege um 15 bis 20 Prozent verkürzt, Lagerbestände um 20 Prozent verringert wurden. Der Wartungsbedarf von Maschinen konnte halbiert werden. Er berate ein Unternehmen, das der Hälfte seiner Kunden nach klassischen Kriterien Angebote legt, der andere Hälfte nach einem Algorithmus, der aus allen vorhandenen Daten Präferenzen herausliest, erzählte Pichler. Nach einem halben Jahr liege das Umsatzplus der vom Algorithmus bedienten Kunden bei 20 Prozent - Tendenz weiter steigend, da der Algorithmus laufend dazulerne.

BCG hat Führungskräfte von 1.100 Firmen in 12 Ländern zu ihrer Nutzung von KI für die industrielle Produktion befragt, davon etwa 100 in Österreich. Demnach liegen die USA, wo 25 Prozent bereits auf solche Methoden zurückgreifen, vor China (23 Prozent) und Indien (19 Prozent). Österreich liegt mit 12 Prozent KI-Nutzung im hinteren Drittel dieser Auswahl. Vor allem China sei sehr beeindruckend, sagt Pichler. Dort werde das Thema "generalstabsmäßig angesetzt". Ziele pro Branche werden definiert und dafür auch die Ausbildungswege auf der Universität geschaffen. Auch wird Kapital dafür zur Verfügung gestellt. Ziel könne nicht die "Durchfinanzierung" durch den Staat sein, sehr wohl sollten aber Anreize gesetzt werden. Für Firmen gehe es oft nur darum, nicht behindert zu werden.

Künstliche Intelligenz ist nicht nur eine Frage der besten Programmierer, auch wenn diese Mangelware sind. Wer erfolgreich sein will, müsse viel probieren und dabei Fehler zulassen - eine Kunst, die Österreicher im Speziellen und Mitteleuropäer im Allgemeinen nicht so gut beherrschen wie Menschen anderer Kulturen, sagt Pichler. Außerdem müssen Firmen sehr schnell handeln: Besser heute als morgen beginnen und wenn es Erfolge gibt, sofort ausrollen. Der Wettbewerbsvorteil wird vielleicht nur ein Jahr halten und nicht zehn, dafür kann er sehr groß sein.

Weltweit fehlt es an Experten, die große Datenmengen durchforsten und nutzen können, wobei weniger Programmierer, sondern eher Physiker, Mathematiker und Statistiker gesucht sind. BCG selber habe in den letzten drei Jahren 500 Ingenieure eingestellt, die "nichts anderes machen als im großen Rauschen nach Mustern zu suchen". Gut ein Drittel des weltweiten Umsatzes von 6 Mrd. Euro macht das Unternehmen inzwischen mit "Digitalisierung", mit Themen, die es vor zehn Jahren noch nicht gab.

Trotzdem müsse nicht jede Firma alles von Null auf neu erstellen. Inzwischen gebe es eine Vielzahl von "Basisalgorithmen", die man weiterentwickeln kann. Letztlich aber brauche jedes Unternehmen spezifische Lösungen. In der ersten Lernphase sei es sicher sinnvoll, dafür eine eigene Abteilung zu schaffen. Wenn die Mechanismen beherrscht werden, könne das Wissen an alle ausgerollt werden. Pichler erwartet aber auch, dass sich Firmen zusammenschließen für die Grundausrüstung mit KI - so wie es heute Einkaufsgemeinschaften gebe, die auch Konkurrenten zusammenbringt.

Die Gefahr, dass KI außer Kontrolle gerät und die Welt übernimmt, sieht Pichler derzeit aber nicht. Die Systeme seien dafür programmiert, den besten Weg von A nach B zu suchen - dass sie plötzlich nach C fahren wollen, "das ist momentan nicht das Thema". Allerdings räumt auch Pichler ein: "Wir stehen noch ganz am Beginn eines Prozesses. Ich traue mich nicht zu sagen, was in zehn Jahren machbar ist." Kritisch sei aber ohnehin weniger die technologische Entwicklung als die juristische, wie man mit immer autonomer agierenden Maschinen umgeht.

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