Industrie 4.0 für innovative Arbeitszeitgestaltung nutzen

Wien (APA) - Mit der fortschreitenden Digitalisierung und Industrie 4.0 wird oft das Ende der Arbeit befürchtet. Für die deutsche Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) ist das allerdings "Bullshit". Für dramatisch hält sie die "Plattformisierung" der Wirtschaft. Auf Probleme am Arbeitsmarkt mit einem bedingungslosen Grundeinkommen zu antworten, hält Nahles nicht für sinnvoll. Sie setzt sich für ein persönliches Erwerbstätigenkonto ein, Hartz IV würde sie Österreich nicht empfehlen.

Dass mit Industrie 4.0 massiv Jobs abgebaut werden, glaubt Nahles nicht. "Natürlich wird es Verlierer geben", so die deutsche Sozialministerin bei einer Diskussion des SPÖ-Parlamentsklubs in Wien. Das eigentliche Problem bei der Digitalisierung sei aber das Ungleichgewicht zwischen Qualifikation und freien Arbeitsstellen. Auch Wilfried Altzinger, Verteilungsökonom an der Wirtschaftsuniversität Wien, glaubt, dass Horrorszenarien überzogen sind.

Die Digitalisierung würde auch Freiheiten schaffen und wichtige Impulse zur innovativen Arbeitszeitgestaltung geben. "Man muss auch über Arbeit 4.0 sprechen", so Nahles. In Deutschland wünsche sich jeder Dritte sowohl beim Umfang als auch bei der Lage der Arbeit eine Veränderung. Männer wollen laut Nahles oft weniger arbeiten, während Frauen in der Teilzeitfalle sitzen. Ihr geplantes Gesetz zum Rückkehrrecht von Teil- in Vollzeit ist zuletzt vorerst gescheitert. Laut Sozialminister Alois Stöger (SPÖ) gibt es auch in Österreich ein großes Bedürfnis, anders zu arbeiten.

Ideal wäre für Nahles eine "atmende" Wahlarbeitszeit, der Job soll sich den unterschiedlichen Lebensphasen anpassen. Unternehmer sind da freilich mäßig begeistert. Diese hätten zwar kein Problem, in die Qualifikationen ihrer Mitarbeiter zu investieren, bei der selbstbestimmten Arbeitszeit "knirscht es dann", so Nahles. Die Familienzeit müsse aber mehr berücksichtigt werden, die Menschen stünden sehr unter Druck. Die Politik müsse da unbequem bleiben, auch wenn sich viele Unternehmen und Selbstständige querstellen.

Plattformen sehen sich nicht als Arbeitgeber

Die Plattformökonomie sei dramatisch und deren Kapitalakkumulation besorgniserregend, meinte Nahles. Airnbnb, Uber, aber auch Crowdworking-Plattformen würden die Rolle des Arbeitgebers oft verweigern. "Wir sind keine Arbeitgeber, wir sind nur eine Plattform", zitierte Nahles einige Unternehmen, die sich aus der Verantwortung ziehen würden. Zudem würden sie in den Ländern, in denen sie tätig sind, häufig keine Steuern zahlen oder Sozialabgaben leisten. Auch für Altzinger ist die durch die Globalisierung entstandene, groß angelegte Steuervermeidung ein brennendes Thema.

Auch die Arbeitsverhältnisse auf solchen Plattformen seien für Beschäftigte oft prekär. "Die Machtfrage ist zu klären", so Nahles und spielt auch auf das Thema Datenschutz an. Für Crowdworking-Plattformen braucht es eine kollektive Steuerung und eine starke EU, meinte auch Stöger. Es müsse eine gemeinschaftliche Regelung für solche Arbeitsformen gefunden werden.

Angesprochen darauf, ob Österreich sich an Hartz IV orientieren soll, meinte Nahles, dass Hartz IV für niemanden ein Vorbild sei. Auch sie sei nicht zufrieden damit, es werde noch immer daran gearbeitet. Trotzdem sei das System nicht so schlecht wie sein Ruf. Ein bedingungsloses Grundeinkommen ist für Nahles keine Alternative, sie schlägt als Alternative ein persönliches Erwerbstätigenkonto vor.

"Startguthaben" zum 18. Geburtstag

Dieses könnte für alle ab dem 18. Geburtstag ein "Startguthaben" sein, um sich eine Auszeit zu nehmen. Nahles beziffert es mit einer Höhe von etwa 20.000 Euro, womit etwa Weiterbildungen oder ehrenamtliche Tätigkeiten finanziert werden könnten. Ein solches Konto könne in Deutschland relativ rasch umgesetzt werden, finanzieren könne man es mit Änderungen an der Erbschaftssteuer.

Für eine Wiedereinführung dieser Steuer in Österreich plädierten auch Altzinger und Stöger. Letzterer merkte an, dass dies mit dem Koalitionspartner ÖVP aber nicht möglich wäre, weil die Partei auf der Seite der Wohlhabenden stehe.

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