Open Innovation: Experten orten Kulturwandel und warnen vor PR-Schmäh

Soziale Medien als "Turbo" für Bürgerbeteiligung - Bundesregierung ruft zur Teilnahme an Ausarbeitung von "Open Innovation"-Strategie auf

Wien (OTS) - Das Öffnen von Innovationsprozessen ist eines der Konzepte der Stunde: Politik, Forschungsinstitute oder Firmen setzen große Hoffnungen in solche Initiativen. Unter dem Modewort "Open Innovation" habe bereits ein Wandel in Richtung mehr Teilhabe bei der Schaffung von Neuem eingesetzt, hieß es im Rahmen des APA-Science Event gestern, Dienstagabend, in Wien. Eine Missinterpretation als PR-Maßnahme wäre aber fatal.

Damit ein Prozess des Einbindens von Leuten außerhalb einer Institution oder Menschen, die sich innerhalb einer Einrichtung mit anderen Themen beschäftigen, gelingt, brauche es vor allem den ehrlichen Willen, "Open Innovation" (OI) anzugehen sowie klare und verständliche rechtliche Rahmenbedingungen und Kommunikation auf Augenhöhe zwischen allen Beteiligten. So lautete der Tenor der von APA-Science, der Wissenschaftsplattform der APA - Austria Presse Agentur, veranstalteten Podiumsdiskussion mit dem Titel "Open Innovation - Ideen ohne Schranken oder grenzenloser Hype?".

Soziale Medien als "Turbo"

Dass sich vor allem Unternehmen über ihr Marktumfeld hinaus mit Ideen von anderen beschäftigen oder eigene Mitarbeiter dazu motivieren, sich an Innovationen zu beteiligen, sei nicht unbedingt neu, erklärte der OI-Experte Karl-Heinz Leitner vom Austrian Institute of Technology - AIT. Laut einer aktuellen Erhebung verfolge bereits knapp ein Viertel der österreichischen Unternehmen eine explizite OI-Strategie. Die sozialen Medien hätten in den vergangenen Jahren aber als "Turbo" gewirkt. Es werde nun sichtbarer, wie viele Teile der Gesellschaft - oder neudeutsch "Crowds" - sich an etwas Neuem beteiligen wollen und das OI-Konzept breite sich von der Wirtschaft in Richtung Wissenschaft oder Politik aus.

Bei aller Euphorie müsse man aber behutsam und überlegt vorgehen, denn ein schlecht aufgesetzter Ideenwettbewerb könne zum Bumerang werden. "Die Crowd kann dann auch etwa gegen ein Unternehmen mobilisieren", so Leitner. Die Gefahr eines "Shitstorms" bestehe vor allem dann, wenn eine Initiative den Ruch einer reinen PR- oder Marketing-Aktion bekommt.

Für Barbara Weitgruber, Sektionschefin im Wissenschaftsministerium, ist der Versuch, Wissenschaft zu öffnen auch eine Chance, der Forschungs- und Technikskepsis in Österreich entgegenzuwirken. Es sei bereits ein Kulturwandel spürbar. Seitens der Politik will man das mit einer eigenen "Open Innovation"-Initiative (http://www.openinnovation.gv.at) verstärken, in deren Rahmen die Bevölkerung dazu aufgerufen ist, sich an der Ausarbeitung der OI-Strategie der Bundesregierung zu beteiligen, die Mitte nächsten Jahres präsentiert werden soll.

Gute Erfahrungen beim "Mitreden"

Die Ludwig Boltzmann Gesellschaft (LBG) habe mit ihrer "Open Science"-Initiative "Reden sie mit", bei der Experten, Betroffene und Laien dazu aufgerufen waren, neue Ideen zur Forschung über psychische Erkrankungen zu entwickeln, jedenfalls gute Erfahrungen gemacht, erklärte LBG-Geschäftsführerin Claudia Lingner. Die vielen hochqualitativen Einsendungen - auch von Fachexperten aus anderen Forschungsgebieten - hätten sie darin bestärkt, dass viele Experten aus dem "Silodenken" heraus und den Wissenschaftsbetrieb öffnen wollen, indem die "Crowd" eingebunden wird, sagte Lingner.

Dass interessierte Bürger in Forschungsprojekte eingebunden werden, "passiert noch nicht häufig, aber häufiger", erklärte Klaus Schuch, Geschäftsführer des Zentrums für Soziale Innovation (ZSI). Im Bereich "Citizen Science" tue sich momentan insgesamt einiges. Noch würden Laien zwar eher als Datensammler eingesetzt. Zukünftig gelte es, sie aber auch stärker bei der Frage einzubinden, in welche Richtung Forschung gehen sollte und wie Wissenschaft wirksame Akzente in der Gesellschaft und im Sozialbereich setzen kann.

Vielschichtige Motivation

Die Motivation der Menschen, sich an derartigen Prozessen oder Wettbewerben zu beteiligen, sei jedenfalls vielschichtig, erklärte Michael Heiss, der als Open Innovation Experte bei Siemens bereits viel Erfahrung auf dem Gebiet gesammelt hat. Viele verbinde der starke Wunsch "wahrgenommen zu werden und etwas zu verändern -vielleicht sogar die Welt".

Das deckt sich auch mit den Erfahrungen von Christoph Schwald, Innovation Manager bei TÜV Austria, in Bezug auf die unternehmenseigene OI-Plattform "innovatüv". Preisgelder seien zwar ein Anreiz, um Monetäres gehe es den Leuten aber nur nachrangig. Unterstützt von "Gamification"-Elementen und einem gewissen Spaßfaktor stehe nämlich der Gestaltungswille im Vordergrund. Zudem sei es extrem wichtig, als Träger einer solchen Initiative realistische "Umsetzungsperspektiven" anzubieten, so Schwald.

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