Verursachen technische Systeme ohne Bezugnahme auf die sozialen Systeme mehr Probleme als sie lösen?

Eine Rück- und Vorschau auf die European Meetings on Cybernetics and Systems Research, Vienna.

Wir sind gewohnt, IT als „Systeme“ zu bezeichnen. Und doch fehlt diesem Verständnis etwas, das dem Systembegriff seit seinen Ursprüngen im Denken der griechischen Antike bis heute innewohnt: Es geht um den berühmten Satz, der Aristoteles zugeschrieben wird und der da lautet, das Ganze sei mehr als die Summe seiner Teile. Heute sprechen wir gerne von „Mehrwert“. Das ist die aktuelle, wirtschaftspolitisch gefärbte Version dieses Satzes. Denn wir wollen mit „Mehrwert“ etwas bezeichnen, was durch das Zusammenwirken von Teilen erst entsteht, was über die Eigenschaften der Teile hinausgeht und dem Ganzen zugeschrieben werden kann. Eine andere Bezeichnung dafür ist „Synergie“. Synergie-Effekte kennzeichnen die Kooperation von Akteuren. Also: Ein System besteht zwar aus Elementen, aber es kann in seinen Eigenschaften nicht auf solche der Elemente zurückgeführt werden. Kein einziges Element, wenn es nicht als Element an einem bestimmten System teilhat, weist diejenige Eigenschaft auf, die erst das ganze System auszeichnet. Diese Eigenschaft wird als emergent bezeichnet und macht das System komplex. Anordnungen, deren Eigenschaften auf die Eigenschaften einzelner Stücke zurückgeführt werden können, sind nicht komplex, sondern höchstens kompliziert, was das Verständnis und die Voraussage der Performanz erschwert. Solche Anordnungen sind zum Beispiel Maschinen. IT – das sind Maschinen. Der Computer ist eine Maschine. Allerdings nur dann, wenn wir die Maschine von den sozialen Bezügen abstrahieren und die nackte Technik betrachten wollen.

Tatsächlich ist es aber so, dass selbst die purste Technologie sozial geprägt ist, weil sie von Mitgliedern einer sozialen Gemeinschaft für die Befriedigung eines sozialen Bedürfnisses in einem sozialen Zusammenhang produziert und angewandt wird. Besonders deutlich wird das beim Internet, beim Social Web, wo die Rede von „Produsern“ ist, die Gemeinde der Hersteller und Anwender immer schon mitgedacht wird und die technische Komponente eben nur als vermittelnder Bestandteil eines übergeordneten Netzes an soziale Bezügen erscheint. In diesem Sinne ist IT ein wirkliches System. Denn durch die Einbettung der Technologie in die gesellschaftliche Umwelt wird die Maschinerie zu einem komplexen System (und ohne gesellschaftliche Umwelt existiert keine Technologie)! Wird diese Tatsache nicht berücksichtigt, wird IT ohne Bedachtnahme darauf, dass sie nur ein Faktor in einem größeren Ganzen ist, zur Produktionsreife gebracht und in der Gesellschaft eingesetzt, dann handeln wir uns gröbere Probleme ein. Denken wir z.B. nur an die Börsenprogramme, die automatisch in Bruchteilen von Sekunden „Entscheidungen treffen“ und dadurch im Rahmen ihrer Kopplung Kursschwankungen hervorrufen können, die bis dato unbekannt waren.

Systemtheoretische wie systempraktische Überlegungen sind daher nicht im Geringsten überholt. Die Herausforderungen der Gegenwart verlangen von Entwicklern und Entscheidern, von der Politik zur Wirtschaft, sich der Komplexität zu stellen. Lösungen müssen in einer sozial und technisch hochvernetzten Welt so viele Elemente, wie möglich, einbeziehen. Nur einzelne Elemente zu optimieren führt an anderen Knotenpunkten im Netzwerk zu weiteren nicht vorhergesehenen Konsequenzen. Lösungswege werden aktuell in Modellierungen von Systemen aber auch in den Einbeziehungen möglichst vieler Akteure in Entscheidungsprozessen gesucht. Cross-sektorale Multistakeholder Ansätze finden ihre Unterstützung durchaus in technischen Systemen, deren Entwickler versuchen, Komplexität abzubilden ohne diese zu reduzieren. Komplexität ist auch unser Freund, wenn wir deren Funktion nicht versuchen zu minimieren, sondern sie willkommen heißen. Höhere Komplexität bildet sich in Strukturen, die immer wieder neue Antworten auf die immer höhere Komplexität ihrer Umwelt finden. Antworten, die auch viele Lösungen auf die aktuellen Systemherausforderungen bieten. Wer Komplexität zu reduzieren sucht, möchte also verhindern, dass das (sozial-technische) System Antworten auf aktuelle Fragen geben kann, die sogenannten Mehrwerte zu schaffen. Wir als Akteure in diesen Systemen, als Gestalter und Nutzer dieser Systeme sollten auf der Suche nach neuen Antworten das Arbeiten und Leben mit Komplexität als alltäglichen Lernprozess lernen und leben können.

Das Bertalanffy Center for the Study of Systems Science (Ludwig von Bertalanffy, 1901–1972, war gebürtiger Österreicher und hat die Allgemeine Systemtheorie begründet, auf der auch die heutige Komplexitätsforschung aufruht) förderte mit dem 21. European Meeting on Cybernetics and Systems Research die Besinnung auf die Grundlagen systemischen wissenschaftlichen Denkens. Seit 40 Jahren trifft sich in Wien die Avantgarde der Kybernetik und Systemwissenschaften in zweijährigen Treffen, gegründet durch den Vater der künstlichen Intelligenz, Robert Trappl.

2012 bildeten unter Mitwirkung aller namhaften Organisationen im Forschungsfeld fünf Keynotes und 150 Präsentationen in 19 Symposia ein vielfältiges interdisziplinäres Programm. Das Treffen war für internationale Forscherinnen und Wissenschaftler (Österreich, Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Ungarn, Lettland, Niederlande, Norwegen, Portugal, Russland, Slowenien, Spanien, Schweiz, UK, Ukraine, Georgien, Indien, Japan, Südafrika, Australien, Brasilien, Kolumbien, Mexiko, USA) aus der Systembiologie und den Informationssystemen ebenso offen, wie aus den Forschungsfeldern komplexe adaptive Systeme, Soziokybernetik, evolutionäre Wirtschaftswissenschaften, ökologische Systeme, Systemphilosophie, Konstruktivismus, Selbstorganisation, Kognitionswissenschaft, Komplexitätstheorie, Netzwerktheorie und künstliche Intelligenz. Alle Forschungsfelder denen das Potenzial zugrunde liegt, Wege aufzuzeigen und Antworten zu geben auf die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen.

Die Symposien haben eine Vielfalt an theoretischen und praktischen Reflektionen zu Themen wie Systems Thinking, Agent-Based Modeling, von der Biologie zur IT und Bioinformatik, Urbanes Design, Komplexität und Management, von Innovationsmanagement und sozialer Verantwortung von Unternehmen bis hin zu Management von komplexen Katastropheneinsätzen, sowie einen starken Fokus auf effektive, lebendige und resiliente Organisationen und Krisenbewältigung geboten.

Als einer der Höhepunkte des Treffens in diesem Jahr stellte sich das Thema „Urban Design“ einem breiteren Publikum vor. Gerade in Fragen der Stadtentwicklung trifft sich die Entwicklung von sozialen Systemen mit Multistakeholder Ansätzen, der Einbeziehung der Nutzer in Innovationsdesigns, die pragmatische Anwendung von Modellierungssoftware zur Analyse und der Steuerung von Verkehrsströmen, unterstützt durch künstliche Intelligenz. Eine KI, die in Echtzeit Daten nicht nur analysieren und auf deren Grundlage entscheiden kann, sondern Varianten simuliert und in Echtzeit lernen kann, um optimale Lösungen zu präsentieren. Gemeinsam lernende und entstehende Systeme: Ko-Evolution, Selbstorganisation und Emergenz in sozial-technischen Systemen, in denen mit Menschen und nicht für Menschen entwickelt wird.

Viele der Modelle orientieren sich dabei durchaus an erforschten Systemen aus der Biologie. So wurde auch der Gastvortrag von Péter Csermely, “Crisis Responses and Crisis Management: What can we Learn from Biological Networks?“, mit sehr großem Interesse aufgenommen.
Die Zukunft der Forschung stärken war das Motto des PhD Kolloquiums des europäischen Treffens, deren Preisträgerin des „Ludwig von Bertalanffy Young Scientist Award“ Jessica Dylan Foley aus Irland einen von der Jury gewürdigten provokanten transdisziplinären Ansatz der Kulturwissenschaft lieferte, Telekommunikationsforschung und Linguistik verbunden mit den Arbeiten der allgemeinen Systemtheorie, oder wie wir über Sprachentwicklung gemeinsam Wirklichkeit gestalten.
Ein weiterer Preisträger des „Ludwig von Bertalanffy Award in Complexity Thinking” war der französische Philosoph Edgar Morin für sein Lebenswerk, der das Publikum mit seinem Vortrag “Complex Thinking for a Complex World – About Reductionism, Disjunction and Systemism“ und seinem Esprit und seiner Hingabe zur Wissenschaft begeistertste.

Bei Interesse an diesen und weiteren Themen bieten die European Meetings on Cybernetics and Systems Research ab 2012 auch alle Ergebnisse der Treffen im Netz an. So finden Sie das Book of Abstracts http://www.emcsr.net/book-of-abstracts/ ebenso im Internet, wie die Keynotes http://www.youtube.com/emcsr und die aus den Symposien entstehenden wissenschaftlichen Artikel in einer für die Treffen gegründeten peer-review Open Access Journal http://www.systems-journal.eu/. Die Inhalte werden dabei laufend aktualisiert.

Die European Meetings on Cybernetics and Systems Research setzen sich auch weiterhin das Ziel, in Wien einen starken europäischen Knotenpunkt für die internationalen Systemwissenschaften zu kreieren. 2014 wird das Treffen wieder in Wien organisiert.