So schätzen Sie Testmanagementaufwand richtig!

Wieviel Testmanagement braucht mein Projekt? Brauche ich einen eigenen Testmanager oder kann ein erfahrener Tester die Aufgaben miterledigen? Wie viele Projekte kann ein Testmanager parallel betreuen? Jeder, der Testprojekte planen und besetzen muss, stellt sich diese Fragen. Einfache Schätzansätze, z.B. ein Testmanager auf 5 bis 7 Tester, vernachlässigen jedoch oft die Besonderheiten des Projekts. Selbst erfahrene Tester übersehen oft wichtige ‚Zeitfresser‘ eines Testmanagers. Für die folgenden Aufgaben sollten Sie bei der Schätzung von Testmanagementaufwand daher immer ausreichend Zeit einplanen:

1)      Abstimmungsmeetings und Besprechungen

Für den Test sind viele Informationen aus unterschiedlichen Bereichen des Projekts relevant. Im Gegenzug liefert der Test selbst wichtige Daten zum aktuellen Projektfortschritt. Infolgedessen sollte der Test, unabhängig von der Testteamgröße, in allen wichtigen Projektmeetings vertreten sein. Viele Besprechungen finden wöchentlich oder 14-tägig statt. Typische Meetings sind

  • Projektmanagement- bzw. Projektsteuerungsmeetings
  • Defect clearing
  • Interne Testteam-Meetings
  • Anforderungsklärung
  • Planungs- und Schätzmeetings

Häufigkeit, Dauer und Inhalte der Besprechungen können je nach Unternehmenskultur und Projekt stark variieren. Grundsätzlich sollte jedoch von Anfang an ausreichend Zeit für Teilnahme, Vor- und Nachbereitung sowie ggf. Anreisezeit eingeplant werden. Pro Woche kommt so leicht ein Aufwand von ein bis eineinhalb Personentagen an Aufwand zusammen. In einigen Projekten auch deutlich mehr. Bei agilen Vorgehensweisen mit z.B. zweiwöchigen Iterationen müssen die Sprintmeetings ebenfalls betrachtet werden. Sie können auch (dividiert durch die Wochenanzahl) in den Zeitaufwand des Testmanagers pro Woche einberechnet werden.

2)      Ansprechpartner in allen Lebenslagen

Gerade für weniger erfahrene Tester dient der Testmanager oft als Ansprechpartner für viele Themen: Handlungsbedarf bei einzelnen Defects, Fragen zu Testmethodiken und Werkzeugen, Umgang mit schwierigen Kollegen, Arbeitsplatzausstattung, Weiterbildungsmöglichkeiten und vieles mehr.

Auch andere Projektbeteiligte, z.B. Projektleiter oder Entwicklungsleiter, nutzen gern den Testmanager als informellen ‚sparring partner‘, wenn es um die Einschätzung einer Situation oder das Treffen von Entscheidungen geht. Manchmal  wird der Testmanager auch einfach als Zuhörer benötigt.

Gespräche tragen viel zur guten Projektatmosphäre bei und helfen auch, einen Eindruck vom tatsächlichen Projektverlauf bekommen, jenseits von Zahlen und Fakten. Je nach Projektumfeld können solche informellen Gespräche ein bis drei Stunden täglich ausmachen.

3)      Metriken und Berichte

Regelmäßige Teststatusberichte helfen der Projektleitung bei der Projektsteuerung und dem Testmanager bei der Argumentation wichtiger Qualitätsmaßnahmen. Eine aussagekräftige, aber übersichtliche Darstellung der aktuellen Lage ist hierfür essenziell. Es gilt: weniger ist mehr. Aus der Flut an Daten zum Test sind die relevanten Metriken und Informationen auszuwählen, zu bewerten und übersichtlich darzustellen. Die hierfür benötigte Zeit des Testmanagers ist lohnend investiert und sollte keineswegs vernachlässigt werden.

Der Aufwand variiert je nach Umfang der Berichte und Adressatenkreis. Für einen Statusbericht mit Trenddiagrammen, Fehlermetriken und Risikobetrachtung sollte man jedoch wenigstens einen halben Tag vorsehen. Für einen vollständigen Testabschlussbericht kann es auch deutlich mehr werden.

4)      Feuerwehreinsätze

“Unverhofft kommt oft” – auch im Test. Es gibt immer unvorhersehbares, wie plötzliche Ausfälle einer wichtigen Testumgebung, der Test eines dringenden Hotfixes für die Produktion oder die Aufbereitung einer Präsentation für den Vorstand. Je nach Projektkultur kann ein solcher Feuerwehreinsatz sehr selten bis regelmäßig eintreten.

8685423267_f46ff95352_original

©Andreas Nadler | Quelle: www.flickr.com/photos/tobi_digital

Ob es notwendig ist, für den Testmanager und das gesamte Testteam einen Tag pro Woche für Unvorhergesehenes einzuplanen, oder ob man im Einzelfall einfach andere Aufgaben verschieben kann, wissen meist Kollegen, die im Umfeld bereits Projekterfahrung haben.

5)      Und der Rest

Neben den großen Zeitfressern gibt es natürlich noch eine Reihe weiterer Testmanagementaufgaben. Unter anderem:

  • Aufwands- und Einsatzplanung
  • Testumgebungsmanagement, Werkzeuge und Arbeitsplatzausstattung
  • Festlegung und Dokumentation des Testvorgehens (z.B. im Testkonzept)
  • Konzipierung und Umsetzung von Verbesserungsmaßnahmen

Bei fast allen Testmanagementaufgaben gilt: sie müssen nicht unbedingt vom Testmanager selbst durchgeführt werden. Wird eine Aufgabe jedoch von einem anderen Mitglied des Testteams übernommen, so muss das in der Verfügbarkeit für andere Testaufgaben berücksichtigt werden.

Der Aufwand wird verlagert. Und je mehr dieser Aufgaben  delegiert werden, desto mehr Zeit muss der Testmanager einplanen um sich die aktuellen Status abzuholen und gegebenenfalls steuernd einzugreifen.

Fazit: Keine Scheu vor hohen Aufwänden!

Ob im Projekt ein Senior Tester/Testmanager oder ein Testmanager mit Unterstützung durch eigene Testkoordinatoren zum Einsatz kommt, hängt letztlich vom Projektumfeld und dem konkreten Aufwand ab. Wichtig ist, sich der Aufgaben und des benötigten Aufwands bewusst zu sein. Wird der Aufwand hinterfragt, kann man ihn leicht begründen. Wie immer gilt: Reduzierter Aufwand bedeutet reduzierte Leistung. Was verzichtbar ist, muss der Auftraggeber entscheiden.