Nationalstolz im Sturzflug

Im Oktober 2011 war nur mehr ein Drittel der österreichischen Bevölkerung „sehr stolz“ auf unser Land, Tendenz weiter fallend. Zieht man die „herausragenden“ IT-Ereignisse – so man sie als solche überhaupt bezeichnen möchte – der letzten Wochen näher in Augenschein, so ist dieser Sturzflug in Sachen Nationalstolz nicht weiter verwunderlich:

Da kostet der ursprünglich auf € 71.000.- veranschlagte Relaunch der offiziellen Parlaments-Homepage www.parlament.gv.at plötzlich satte 1,92 Millionen €. Diese geradezu bizarre Verschwendung von Steuergeld stößt,  wie auch nicht anders zu erwarten war, auf massive Kritik des Rechnungshofes und führt zu einem gewaltigen Rauschen im heimischen Blätterwald. Soll man Politikern und Politikerinnen, die offensichtlich nicht einmal die Kosten ihres eigenen Webauftrittes fest im Griff haben, überhaupt noch einen  Vertrauensrest schenken, sie bei den nächsten Wahlen dafür gar mit Stimmen belohnen und ganz allgemein an ihre IT-Kompetenz glauben? Karl-Heinz Grasser wurden im Jahr 2004 für seine eher mickrige Homepage unglaublich hohe € 283.424.- gesponsert, allerdings von ihm gewogenen Privaten, wenn auch nicht aus dem gemeinnützigen Sektor unserer Wirtschaft. Den Relaunch der Parlamentshomepage müssen wir als Steuerzahler(innen) leider alle zusammen sponsern, ob wir dies nun wollen oder nicht.

Facebook gibt es seit 2004, Twitter seit 2006. Bundeskanzler Werner Faymann „entdeckte“ erst vor wenigen Tagen den Nutzen dieser beiden Kanäle, um sich ganz offiziell selbst besser darstellen zu können. Sein parodistisches Pendant Werner Failmann übertrumpfte ihn aber gleich vom Start weg, was das Interesse der Internet-Öffentlichkeit anlangt, und zwar bei weitem. Da kann sich die frühere Pressesprecherin des „echten“ Bundeskanzlers noch so sehr bemühen, das Profil ihres Chefs in den neuen sozialen Netzwerken zu schärfen und mit viel Steuergeld und einem relativ großen Stab von bezahlten Mitarbeiter(inne)n seinen Auftritt zu betreuen – es wird wohl nicht allzu viel mehr nützen. Wenn den Leuten die Persiflage lieber ist als das staatstragende Original, sollte dies der Politikerzunft dieses Landes zu denken geben:  Aus vermeintlichen „Spaßvögeln“ können nämlich sehr schnell Gegenkandidaten werden, die dann bei Wahlen antreten und – siehe das Beispiel der Piratenparteien! – vom Stand weg Erfolge einfahren, mit denen niemand gerechnet hat. Das Internet ist für Überraschungen aller Art immer offen gewesen und wird sich daran auch nichts ändern.

Ein besonderes Kapitel ist Gesundheitsminister Alois Stöger, der die „elektronische Gesundheitsakte“ (ELGA) in einer geradezu obsessiven Weise „pusht“, so als ob das Heil ganz Österreichs daran hinge. Der erst kürzlich erfolgte große Datenklau bei der Tiroler Gebietskrankenkasse scheint ihm da keine Lehre gewesen zu sein. Da bei den besonders sensiblen Gesundheitsdaten Lecks und auch Missbräuche großen Stils nicht auszuschließen sind, ist ELGA von vornherein abzulehnen.

Die Bevölkerung will einen derartigen Datenmoloch nicht, der noch dazu Millionen und Abermillionen an Steuergeldern verschlingen wird, von der Ärzteschaft aus guten Gründen abgelehnt wird und noch dazu wie eine Zwangsjacke über unser Land gestülpt werden soll. Setzt sich die „elektronische Krankheitsakte“ durch, wird der Sturzflug in Sachen Nationalstolz noch beschleunigt werden. Da wird dann kein „Relaunch“ offizieller Webangebote mehr helfen und auch keine marktschreierisch verkündeten „Online-Offensiven“ – selbst wenn das offizielle Bundeskanzler-App Werner Faymanns nicht mehr von einer Webadresse aus dem zentralamerikanischen Staat Belize abrufbar sein sollte, wie dies kurioserweise tatsächlich der Fall war.