IT statt Inserate: Die ungenützten Chancen der Wien-Wahl

Welche Lehren können IT- und Telekommunikations-Experten aus dem Wiener Wahlkampf ziehen? Im Kampf um den Bürgermeistersessel wurde erstmals seit Inkrafttreten des Parteienförderungsgesetzes von 2013 die Beschränkung auf ein Werbebudget von sechs Millionen Euro schlagend. Die beiden Hauptkonkurrenten kratzten an der Obergrenze. Dabei bildeten Inserate, Dreieckständer, Veranstaltungen sowie das Verteilen buchstäblicher „Wahlzuckerl“ die größten Kostenpunkte. Traditionelles Wählerwerben in Österreich bedeutet also noch immer unspezifische Massenkommunikation. Die Parteien scheinen eine große Streuungsbreite der gezielten Inhaltsvermittlung vorzuziehen.

IT unterstützt die Kampagnen der Zukunft

Dabei wären professionelle, daten- und IT-gestützte Kampagnen schnell und kostenschonend umzusetzen: Gezieltes E-Mail Campaigning, Trigger-Mails oder klassische Tools wie Online-Umfragen könnten beispielsweise die Interaktion mit der potentiellen Wählerschaft erhöhen und einen auf die individuellen Interessen abgestimmten Informationskanal schaffen, der keine Einbahnstraße ist. Denn durch die Möglichkeit zur Interaktion und die detaillierte Analyse des Online-Dialogs lässt sich die Relevanz bei den Empfängern sehr einfach steigern. Darüber hinaus könnten innovative Technologien wie Predictive Analytics zur Erkennung von Datenmustern eingesetzt werden und so zu wertvollen Einschätzungen von möglicherweise wahlentscheidenden Entwicklungen führen.

Renaissance der E-Mail

Anstatt kostspielige Inserate-Rennen der Vergangenheit zu wiederholen, sollte auch die Politik beginnen, die Zeichen des digitalen Zeitalters zu erkennen: Acht von zehn Haushalten in Österreich haben einen Internetanschluss und 98 Prozent aller Unternehmen sind online. Laut Prognose der Radicati Group werden bis 2016 rund 144 Milliarden E-Mails von Unternehmen verschickt – täglich! Insbesondere die Smartphone-affine Wählergruppe der 16- bis 24-jährigen ist überall und jederzeit online erreichbar. Doch auch der Anteil internetaffiner Senioren wächst ständig, wobei neben Informationsbeschaffung vor allem die Kommunikation via elektronischer Post eine große Rolle spielt.

Best Case: Die Obama-Kampagne

Ein Blick über unsere Grenzen reicht um festzustellen: Professionelle, IT-gestützte Kampagnen können wahlentscheidend sein. Der alte und neue US-Präsident hat es vorgezeigt. Mit MyBO schuf Barack Obama eine Website, die als Herz seiner Kampagne fungierte, Interessierte zu den gewünschten Inhalten führte, Veranstaltungen, Kampagnen und Fundraising organisierte, und vor allem auch potentiellen Wählern untereinander als Plattform zum Austausch diente.

Es ist höchste Zeit, dass in diesem Bereich auch in Österreich zeitgemäße Informationstechnologien zur Anwendung kommen. Durch eine überlegte Kombination einiger der oben genannten Maßnahmen würden Parteien nicht bloß ihre Inhalte wirksamer an die potentiellen Wählerinnen und Wähler bringen, sondern auch ein besseres Bild von deren Interessen erhalten. Und dem Stadtbild würden ein paar Dreiecksständer weniger auch ganz gut tun.