Ist das kollektive Facebook-Leben ein delegiertes Leben? Der unsichtbare Dritte

Interpassivität versus Web Zweinull: Kann man die beiden Ansätze vergleichen, was wollen sie, was sagen sie über unser Verhalten aus? Delegieren wir unsere Genüsse und Interessen lieber als sie selbst adäquat in Anspruch zu nehmen, delegieren wir unser Leben an virtuelle Welten?

Der Begriff „Interpassivität“ packte mich wie ein Windstoß. Als wissenslüsterne Person, die nicht nur seit Jahren in sozialen Netzen unterwegs ist, sondern sich auch beruflich und privat intensiv mit (Internet-) Innovationen auseinandersetzt, wollte ich diesen Ansatz von einer neuen Seite beleuchten. Und so traf ich den charismatischen Robert Pfaller zum Interview. Er ist vielfacher Buchautor, Ordinarius für Philosophie an der Universität für angewandte Kunst in Wien und seine Studien über Interpassivität fanden bereits vor zehn Jahren internationale Beachtung.

Sofort kommt mir die scheinbar allgegenwärtige Haltung der Web-Zweipunktnull-Generation in den Sinn – die Ubiquität, die Allgegenwart des Internet, eine kulturelle Geisteshaltung, die schon längst nicht mehr nur mit dem Netz zu tun hat, sondern die gleichsam zur Attitüde einer ganzen Gesellschaft wird: Das „Web Zweipunktnull“ ist etwa charakterisiert durch die Nutzung kollektiver Intelligenz, man spricht dabei vom „Aal-Prinzip“ („andere arbeiten lassen“), die Interaktion zwischen Anwendern spielt eine Hauptrolle und natürlich der Wettbewerb – denn Marktvorsprung hat dabei, wer das Wissen der anderen zu nutzen lernt.

Interpassivität bezeichnet ein Verhalten, bei dem Menschen Genuss an andere delegieren, so Robert Pfaller. Kurz zur Entstehung des Begriffs: In den Neunzigerjahren herrschte in der Kunst, besonders in der Medienkunst, ein bestimmtes Denken vor, das sich auf den Begriff der Interaktivität stützte. Diese „Ideologie“ ging davon aus, dass Menschen mehr Freude an etwas haben, an dem sie mitwirken können. Pfaller: „Ich war damals skeptisch, ob es für Menschen ein „Glücksprogramm“ darstellt, wenn sie durch ihre Mitarbeit etwa ein Kunstwerk erst zu dem machen, was es ist.

Das brachte mich auf den Gedanken, ob Menschen nicht eher froh sind, wenn sie ihren Genuss delegieren können – man denke etwa an Sitcoms, bei denen das Lachen schon vom Fernsehen übernommen wird oder den Videorecorder, der „für den Konsumenten“ das Fernsehen übernimmt. Das führte zur Frage ob wir manchmal lieber unsere Genüsse delegieren als unsere Arbeit und sie vor allem lieber delegieren als sie selbst in Anspruch zu nehmen. Diese Frage erwies sich bei näherem Hinsehen als gar nicht so absurd…“

Natürlich gibt es auch im Internet eine ganze Reihe interpassiver Verhaltensweisen, weiß der Philosoph, der selber auch im Facebook zu finden ist, „die meisten meiner „Freunde“ kenne ich allerdings nicht“ lacht er. „Etwa das Verhalten, eine interessante Website zu finden, sie auszudrucken und den Ausdruck nie wieder anzusehen. Oder das Downloaden und Speichern – das schaut dann eher der eigene Computer an statt dem Anwender. Viele Phänomene, die man im Facebook beobachten kann, weisen auf diese Verhaltensweise hin – etwa die Statusmeldung: „Ich habe einen Kuchen gebacken, der schmeckt herrlich“, wäre ein solcher Versuch, vom vorgestellten Genuss der anderen zu leben. Das gibt es gerade auch in den neuen Medien auf vielen Ebenen“.

Eine andere Facette dabei, so Pfaller, ist das Glauben an eine Illusion: Niemand glaubt, dass ein Videorecorder für einen selber vollwertig fernsehen kann, aber alle verhalten sich danach. In allen Akten der Interpassivität haben wir es also auch mit der Inszenierung einer Illusion zu tun. Aber auch die Ebene der Inszenierung kommt bei Facebook als wichtige Kulturdimension vielleicht ins Spiel: Der unsichtbare Dritte.

Es wird nicht unterschieden zwischen wirklichem Wesen und Spiel. Dieses „fiktive Publikum“ übernimmt die Funktion eines „naiven Beobachters“ der eigenen Interpassivität – es braucht real gar nicht zu existieren. Auch in anderen kulturellen Bereichen kommt der „naive Andere“ zum Tragen – etwa bei der Höflichkeit: Wenn wir fragen „Wie geht es Ihnen“ und der Gefragte sagt „Danke gut“, glaubt weder der Gefragte, dass sich der Andere für sein Befinden interessiert, noch glaubt der Fragende, dass es dem Anderen wirklich gut geht, aber es wird so inszeniert. Vielleicht ist es auch ein Zeichen des „zivilisiert Seins“, dass wir vieles nicht nur deshalb unternehmen, um es selbst zu glauben.

Wenn man vom Exhibitionismus der Intimitäten in den sozialen Netzwerken ausgeht, könnte man eine Analogie dazu ziehen, wie Karl Marx kapitalistische Lohnarbeit begriffen hat: Dass Menschen überhaupt bereit sind, in ein Lohnarbeitsverhältnis einzutreten, bedeutet, dass davor eine gewaltige Beraubung von Produktionsmitteln stattgefunden hat. Den „digitalen Exhibitionisten“ ist die Möglichkeit einer würdevollen Öffentlichkeit verloren gegangen. Deshalb sind sie bereit, um jeden Preis eine ephemere Prominenz zu ergattern. „Ich glaube, es sind oft auch Menschen, die kaum eine andere Möglichkeit haben, an irgendwelche Öffentlichkeiten heranzukommen – etwa weil sie in abgelegenen Gebieten leben“.

Die Frage nach der Darstellbarkeit von Pfallers philosophischen Schwerpunktthemen in einer „Tag Cloud“ (Schlagwortwolke) amüsiert den Professor – und veranlasst ihn, mir die philosophischen Beschreibungen von Objekten zweiter und dritter Ordnung wieder in Erinnerung zu rufen: „Ich habe Begriffe, die auf Gegenstände bezogen sind und auf die Debatten, in die ich eingreife – das sind sozusagen die Rohmaterialien, die ich verarbeite. Auf der anderen Seite habe ich kritische Instrumente, mit denen ich operiere.

Es gibt grob drei oder vier Felder, die ich vor allem beobachte – Tendenzen menschlicher Verhaltensmuster aus der Alltagskultur – etwa in den Bereichen Genuss, Erotik, Politik, Sozialverhalten; dann die Welt der Kunst und der Ideologien, die dort auftauchen, wo man gleichsam eine ähnliche Formfeindlichkeit beobachten kann wie auch in der übrigen Gesellschaft. In der Philosophie halte ich auch psychoanalytische Theorien für sehr wichtig – ich bin etwa Mitglied einer psychoanalytischen Forschungsgruppe.

Dieser Hintergrund ist deshalb so bedeutsam, weil gerade die Psychoanalyse ein unglaublich scharfes und wirksames Instrument zur Analyse von Gegenwartskultur ist – vor allem lassen sich die Täuschungen und Einbildungen gut analysieren, die sich die Menschen über ihr eigenes Tun machen. Freud hat da letztlich ein Erbe wieder aufgenommen, das es in der Philosophie schon seit der Antike gab, das ihr aber lange verloren gegangen war; wir finden das bei Epikur oder später im 17. Jahrhundert bei Spinoza, der sich fragte: Warum kämpfen die Menschen für ihre Knechtschaft, als ginge es um ihr Heil? Dann gibt es noch Aspekte aus der Kulturwissenschaft, Ritualtheorien und mehr – übrigens kommt auch bei Ritualen die Interpassivität ins Spiel, dort wo Menschen etwas inszenieren, was sie selbst vielleicht gar nicht glauben.

Das macht Religionsoberhäupter natürlich auch sehr kritisch: Wenn sich gegebenenfalls Einwohner der Philippinnen zu Ostern auf Kreuze nageln lassen, ist der Papst dagegen, obwohl eine solche Handlung ja sozusagen einer christlichen Motivwelt entspräche“.

„Wofür es sich zu leben lohnt“
Was wollen wir eigentlich vom Leben? Ist die Annahme zu naiv, dass die Welt nach Finanz-, Umwelt- und anderen Krisen letztlich doch noch die Suche nach (einem anderen) Sinn entdeckt? Immerhin – Orientierung ist die Kernkompetenz des 21. Jahrhunderts, meint das renommierte Wirtschaftsmagazin brandeins in seiner Oktoberausgabe und widmet dem Thema Sinnsuche gleich ein ganzes Heft. Gradmesser oder nur frommer Wunsch? Und ist es ein Zufall, dass Stimmen wie die des deutsch-französischen Intellektuellen Stéphane Hessel scheinbar doch vielerorts lauter werden – seine Streitschrift „Empört Euch!“ wird zumindest in einschlägigen Medien immer wieder empfohlen.

„Wofür es sich zu leben lohnt“ fragt auch Pfaller in seinem neuesten Buch. Und er beantwortet die rhetorische Frage auf sehr lustvolle Weise – mit Eleganz und Achtsamkeit auf die Schönheit der Form(ulierung). Sofern man Grundwerte wie Freiheit, Selbstreflexion und intellektuelle Passion zu schätzen versteht. Den Genuss der Lektüre dieses Buches sollte man gleichwohl keinesfalls delegieren.

"Wenn Prioritäten wie Sicherheit, Gesundheit, Kosteneffizienz oder der sogenannte "europäische Hochschulraum" in der Kultur der Gegenwart als höchste Güter behandelt werden, dann geschieht es nicht selten, dass Lebensqualitäten wie Bürgerrechte, soziale Absicherung, Genuss, Würde, Eleganz und Intellektualität ohne Zögern und ohne jede Diskussion geopfert werden. Unbescholtene Menschen werden bei Sicherheitskontrollen wie Verbrecher behandelt. Auf Flughäfen müssen sie ihre Schuhe und Gürtel ausziehen. Regierungen verbieten uns das Rauchen, als ob wir Minderjährige wären. Die Universitäten Europas verwandelt man in repressive Obermittelschulen, die nur noch auf den Prinzipien des Zwangs und der Kontrolle beruhen, wodurch die Ressourcen der freiwilligen Motivation und des neugierigen Interesses verschleudert und die Universitäten als Ort der Forschung, des freien Gedankenaustauschs und der kritischen Selbstreflexion der Gesellschaft ruiniert werden. Ist es nicht erstaunlich, was wir uns gegenwärtig alles gefallen lassen? Daran zeigt sich, dass die reichsten Bevölkerungen der Welt verlernt haben, sich die Frage zu stellen, wofür es sich zu leben lohnt."

Robert Pfaller
Robert Pfaller ist Ordinarius für Philosophie an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Gastprofessuren u. a. in Amsterdam, Berlin, Chicago, Oslo, Strasbourg, Toulouse, Zürich. Gründungsmitglied der Wiener Forschungsgruppe für Psychoanalyse stuzzicadenti. 2007 ausgezeichnet mit dem Preis "The Missing Link" des Psychoanalytischen Seminars Zürich.
Veröffentlichungen u. a.:
Ästhetik der Interpassivität (Hamburg: philo fine arts, 2008).
Das schmutzige Heilige und die reine Vernunft. Symptome der Gegenwartskultur (Frankfurt/M.: Fischer, 2008)
(Hg.) Schluss mit der Komödie! Über die schleichende Vorherrschaft des Tragischen in unserer Kultur (Wien: Sonderzahl, 2005)
Die Illusionen der anderen. Über das Lustprinzip in der Kultur (Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2002)

Buchtipp:
Robert Pfaller: "Wofür es sich zu leben lohnt. Elemente materialistischer Philosophie".
S. Fischer Verlag (Reihe S. Fischer Wissenschaft). Rund 280 Seiten, gebunden ISBN: 978-3-10-059033-6.

Kaffee ohne Koffein, Bier ohne Alkohol, Cola ohne Kalorien, Sahne ohne Fett, Sex ohne Körperkontakt. Ist ein so europäisches, standardisiertes, gesundes, sicheres und kostengünstiges Leben, wie es die Politik so emsig fabrizieren will, überhaupt eines, das sich zu leben lohnt?