Financial Modeling – Flexibilität in der finanzwirtschaftlichen Entscheidungsfindung

Praktisch alle wesentlichen Entscheidungen des Finanzbereichs werden mithilfe von quantitativen Analysen („Financial Models“) getroffen. Financial Models ermöglichen eine unvergleichliche Flexibilität, finanzwirtschaftliche Entscheidungen zu analysieren, aufzubereiten und zu präsentieren. Sofern Financial Models jedoch unzureichend konstruiert werden, stellen sie ein hohes Risiko dar, aufgrund von Excel-Fehlern zu inkorrekten Informationen und damit zu falschen Entscheidungen zu führen. Allerdings können diese Risiken durch diszipliniertes Beachten einer Vielzahl von Modeling-Regeln und vor allem durch Anwendung einer systematischen Model-Struktur deutlich eingeschränkt werden. Tatsächlich ist Financial Modeling ausgesprochen einfach, sofern es nach einem strukturierten und disziplinierten Prozess durchgeführt wird. Weder sophistizierte mathematische Kenntnisse noch Computer-Programmierungs-Wissen sind nötig.

Was ist Financial Modeling?
Ein Financial Model ist ein Set von (Excel)-Spreadsheets, in denen aus numerischen Input-Faktoren numerische Output-Faktoren berechnet werden, um damit finanzwirtschaftliche Entscheidungen zu treffen. Neben dem Hauptanwendungsgebiet der operativen Unternehmensplanung werden Financial Models vor allem im Bereich Corporate Finance benötigt, etwa für Unternehmensbewertungen, v.a. nach der Discounted Cashflow-Methode, für Investitionsrechnungsverfahren (Nettobarwertmethode, Interner Zinsfuß-Methode…) oder für Projektfinanzierungen. All diese Anwendungen haben gemein, dass eine integrierte Planungsrechnung (Bilanz, Gewinn- und Verlustrechnung und vor allem Cashflow-Rechnung) für mehrere zukünftige Perioden zu erstellen ist.

Wie sieht eine idealtypische Struktur eines Financial Models aus?
Gutes Modeling beginnt mit dem Konzipieren einer klaren, zweckmäßigen Struktur, die mit eiserner Disziplin durchgehalten werden muss. Man könnte das Bauen eines Financial Models mit dem Schreiben eines Buches vergleichen: Auch hier beginnt der Autor typischerweise nicht einfach loszuschreiben, sondern überlegt sich zuerst den Leitfaden der Erzählung, bricht diesen dann in Kapitel herunter, welche wiederum in Absätze etc… unterteilt werden.

Ein gutes Financial Model ist so aufgebaut, dass der Entwicklungsfluss in einem Spreadsheet stets von links nach rechts, bzw. von oben nach unten verläuft, sowie zwischen den Spreadsheets immer von vorne nach hinten. Das heißt, Verformelungen greifen immer entweder nach links oder nach oben („C6 = B6 * C2“). Dies entspricht nicht nur dem (westlichen) Lesestil, sondern hilft auch, Zirkelbezüge zu vermeiden.

Wesentlich ist auch die strikte Trennung von Inputfeldern (diese sollten unbedingt farblich gekennzeichnet werden, zB in blauer Schrift in gelbem Feld), Kalkulationsbereichen und Präsentationsbereichen (gerne auch mit Grafiken, wesentlichen Input- und Outputfaktoren); nur letztere müssen „hübsch“ formatiert werden, um  damit ausgedruckt oder auf Powerpoint-Folien kopiert werden zu können.

Neben obigen Grundprinzipien sollen in der Folge etliche Tipps und Tricks dargestellt werden, die vor allem dazu dienen, Fehler zu vermeiden bzw. zumindest schneller aufzuspüren:

  •  Grundsätzlich sollten Zahlen mit positivem Vorzeichen dargestellt werden (auch Aufwendungen, Kosten). Somit erhalten auftretende negative Vorzeichen sofort Beachtung – entweder sie stellen etwas Unerfreuliches (negatives EGT) oder etwas Ungewöhnliches (evtl. Falsches, wie negativer Kassabestand) dar
  •  Auf jedem Spreadsheet des Models sollte die Zeitachse gleich (z.B. das Jahr 2014 ist immer in Spalte H) sein
  •  Jegliche Model Checks sind zu begrüßen; verpflichtend ist die simple Kontrollzeile der Bilanzgleichheit (Aktiva – Passiva = 0), wobei bedingte Zellenformatierungen nützlich sind
  •  Jede Zeile wird nur in der ersten Planperiode gemodelt; die weiteren Planperioden ergeben sich allein durch „Hinüberziehen“. Formelbrüche in einer Zeile sind eine häufige Fehlerquelle und daher unbedingt zu vermeiden
  •  Die Spreadsheets werden üblicherweise nach wirtschaftlichen Parametern angelegt (zB ein Sheet für Umsätze, eines für Materialaufwand, etc….); One-Sheet-Wonders sollten aus Übersichtlichkeitsgründen vermieden werden
  •  Komplizierte Formeln und Funktionen sollten vermieden und anstatt dessen in einfachere Formeln – in mehreren Reihen – unterteilt werden
  •  Auf die Bezeichnung der Zeilen sollte großen Wert gelegt werden, um die Nachvollziehbarkeit zu erleichtern
  •  Excel bietet viele Shortcuts über die Tastatur, die im Vergleich zur Mausbedienung zu einer beträchtlichen Effizienzsteigerung führen

Querverweis:

Stefan Lichtenecker ist Vortragender beim bewährten Praxisseminar Financial Modeling (12.-13.6.2014)
http://www.controller-institut.at/de/bildungsprogramm/seminare-lehrgaenge/financial-modeling-31/