Wahnsinn Geschwindigkeit – Segen oder Fluch?

TEXDxVienna, die Dritte: Manche Konferenzen können Welten verbinden.

Unsere Welt wird komplexer, spannender, schneller. Manchmal atemberaubend. Ohne Fortschritt keine Entwicklung. Technologie ist ein zweischneidiges Schwert: Dem Zusammenhang zwischen Schnelllebigkeit und Wahnsinn – im Englischen offensichtlicher – das Wortspiel zwischen Instant für Moment und Insanity für Wahnsinn – widmet sich heuer die dritte TEDxVienna mit dem Motto „Instanity – everything now“. Marion Fugléwicz-Bren bat den Veranstalter der TEDxVienna, Vlad Gozman zum Interview.

Lieber Vlad, das wird heuer die dritte TEDxVienna, die Du veranstaltest. Seit unserem ersten Interview in der Computerwelt ist also einige Zeit vergangen. Damals warst Du erst kurz in Wien und hast in atemberaubender Zeiteinheit eine tolle Veranstaltung mit renommierten Speakern ins Leben gerufen. Was sind die hervorstechendsten Neuerungen seit damals (allgemein gesehen, abgesehen vom Inhalt der Konferenzen)?

Drei Jahre sind wie in einem Atemzug vergangen, doch es gab namhafte Entwicklungen bei uns. Das Team besteht mittlerweile aus 20 Mitgliedern, die aktiv mitsteuern. Dazu zähle ich auch unsere Blogger-Crew, die auf unserer Website über spannende Projekte aus Österreich und dem Ausland berichten. Kurz gesagt: Wir sind gewachsen. Eine weitere wichtige Entfaltung ist der enge Kontakt, Austausch und gegenseitige Support zwischen uns und anderen Organisationen wie z.B. The HUB Vienna, ZIT, Start Europe, Marketing Natives oder i5invest. TEDxVienna hat sich mit der Zeit zu einer Community von Menschen entwickelt, die tatkräftig ihre Gesellschaft mitformen möchten.

Zum Inhalt der heurigen Veranstaltung: „Instanity“, ein Kunstwort, das sich aus instant – Augenblick und insanity – Wahnsinn zusammensetzt. Damit wollt Ihr wohl den Spirit unserer derzeit technologisch geprägten Zeiten zum Ausdruck bringen, unser aller derzeitiges Credo „Alles sofort“, oder? Wir alle kennen ja mittlerweile die Herausforderungen der Gleichzeitigkeit täglicher Parallelwelten… wird uns das exponentielle Wachstum in den Wahnsinn treiben? Ich habe vor über 20 Jahren einmal etwas über Paul Virilio geschrieben, den Denker der Geschwindigkeiten. Hier entdeckte ich ein Video zum Thema: „Unser Planet ist zu klein geworden für den Fortschritt“ – trotz dieser alarmierenden Feststellung leuchtet aus Paul Virilios Augen der Wissensdurst eines von Grund auf neugierigen Menschen. Ist es vor allem die Neugier, die uns antreibt?

Der Überlebensinstinkt ist seit Anfangszeiten der Motor der menschlichen Evolution. Je mehr wir uns einer gewissen existenziellen Sicherheit nähern, desto wichtiger wird der Faktor Wissen, da wir es uns proportional leisten können. Anders betrachtet, birgt jede neue Antwort mehrere neue Fragen. Die Thematik der diesjährigen TEDxVienna ist mehr eine Erforschung als ein Statement. Wir sind immer noch demütig, trotz, oder gerade wegen unserer vielen Erkenntnisse. Die Menschheit hat sich immer großartige Schwellen gebaut, die immer viel Gutes, aber auch viel Schlechtes hinter sich verborgen hatten. Die Frage die wir uns jetzt stellen ist wie wir mit der exponentiellen technologischen Entwicklung am besten umgehen können. Dafür wird unsere Bühne sowohl von Projekten und Visionen belebt, die diese Zukunft möglich machen, als auch von Menschen mit kritischen Sichtweisen, die das Gesprächsthema polarisieren. Wenn man die Komplexität der Problemstellung aber bedenkt, wird nicht unbedingt eine einzige konkrete Antwort am Ende des Tages auftauchen. Viel mehr erhoffen wir uns, dass die Teilnehmer inspiriert von großer Neugier die Konferenz verlassen.

Manchmal scheint es mir, auch wenn ich Eure Speaker bei der heurigen Konferenz betrachte, dass Menschen heutzutage wieder vielseitiger begabt sind – oder sein müssen – als das vielleicht früher der Fall war – es gibt eine Reihe von exzellent ausgebildeten und auf sehr verschiedenen Gebieten begabten jungen Menschen. Kann es sein, dass das mit der Geschwindigkeit zu tun hat? Oder eher mit den Möglichkeiten heutiger Technologien? Oder waren diese Menschen früher nicht so „visible“?

Es ist sicher eine Kombination aus diesen Faktoren. Einen großen Stellenwert hat die Vielseitigkeit, die meines Erachtens eine Ausprägung aller Menschen ist. Heutzutage gibt es die Instrumente, um diesen Facettenreichtum auszuleben. Ich bin immer zutiefst inspiriert vom menschlichen Vermögen die eigene Kondition zu überwinden und sich Hilfsmittel für etwaige Problemsituationen zu schaffen.

Kürzlich hat das Wired Magazin getitelt „Apocalypse not“ – könnte das auch ein gutes Motto für eine TEDxVienna sein?

Durchaus, da TEDxVienna hauptsächlich ein Kanal für Good News sein soll – eine Plattform für Inspiration.

Woher bekommt Ihr immer so spannende Experten?

Nach unserer ersten Veranstaltung in 2010 haben wir uns die Frage gestellt, ob wir diese Qualität immer wieder toppen können werden. Mittlerweile wissen wir, dass es nicht darum geht. Das Format mag immer gleich sein – maximal 18 Minuten-Vorträge, gefilmt, etc. – doch die Konferenz lebt von den Speakern und deren persönlichen Geschichten. Diese sind durch die große Reichweite des Internets sichtbarer denn je.

Wenn man manchen Experten zuhört, sei es in der Schule, in den Medien oder im Beruf gibt es große Verständnisprobleme – es wird immer wichtiger, einander zuzuhören. Die Kommunikation zwischen den verschiedenen Welten wird in unserer immer komplexeren Welt immer notwendiger, Einzel-Konzepte greifen zu kurz. Würden Konferenzen wie die TEDxVienna vom Staat oder von der Politik verordnet werden, könnten sie die Welt ändern?

Wenn man bedenkt, dass es mittlerweile über 3000 TEDx Veranstaltungen weltweit gibt, die alle unabhängig von öffentlichen oder privaten Institutionen funktionieren, würde ich meinen, dass diese es auch so in einem gewissen Ausmaß schaffen die Welt zu prägen. Dieses Format hat sich als eine äußerst effiziente Art der Kommunikation erwiesen, da Experten bei ihren Vorträgen auf Verständlichkeit und Dauer achten. Man muss dabei aber auch in Betracht ziehen, dass die TED und TEDx Talks nur den Anspruch aufs Erwecken der Neugier und auf die Vermittlung genereller Informationen erheben. Für tiefgründigere Auseinandersetzungen mit den unterschiedlichen Themen, muss man auch auf andere Mittel und Träger zugreifen. Nichtsdestotrotz hat es für einige Bereiche Innovationspotential. Ein gutes Beispiel dafür ist die neue Plattform TED-Ed, wo Expertenbeiträge durch Animationen veranschaulicht werden. Mittlerweile gibt es in den Vereinigten Staaten unterschiedliche Bildungsinstitutionen, die diese Videos in diverse Curricula hineingenommen haben.

Gibt es schon (wirtschaftliche oder andere) konkrete oder vielleicht bekannte Projekte/Ideen/, die aus einer TEDxVienna-Veranstaltung entstanden sind?

Die Besucher unserer Events erwarten hochkarätige Vorträge und Aufdeckung von Trends und Innovationen. Darum ist es unser Hauptfokus, den perfekten Rahmen genau dafür zu liefern. Wir verfolgen die aktive Vernetzung unserer wachsenden Community durch verschiedene Aktivitäten bei der Konferenz – wie etwa Workshops oder Hands-on Erlebnisse – und darum finden auch spannende Persönlichkeiten zueinander. Konkretisiert haben sich im letzten Jahr einige Projekte – wie beispielsweise das Filmprojekt Sierra Zulu von unserem zweimaligen Speaker Johannes Grenzfurthner. Über unsere Online Kanäle versuchen wir auch eine Politik der radikalen Offenheit zu führen, damit die Mitglieder unserer Community diese auch als Sprachrohr für eigene Errungenschaften nutzen können.

Gibt es auch Kommunikation zwischen den einzelnen TEDxVeranstaltungsländern?

Es gibt eine globale Kommunikation die auf flacher Ebene passiert und die eine exzellente Reserve an Tools für die Events bietet. Viel näher ist das Verhältnis zu den österreichischen TEDx Organisationen geworden, wo wir angefangen haben Ressourcen zu teilen und die Entwicklung unserer Community auf nationalem Niveau auszubauen.

Welche Motivation treibt Dich persönlich jedes Jahr zu neuen Steigerungen? Viele Künstler, Oscar-Preisträger oder andere Kreative kämpfen gegen die Angst, nach einem großen Erfolg diesen nicht wiederholen oder gar toppen zu können… was ist der eigentliche „Lohn“ Deiner Bemühungen?

Die persönliche Belohnung für mich ist der kleine Beitrag zur globalen Ideenverbreitung und die Möglichkeit, Teil einer inspirierenden, nicht profitorientierten Gemeinschaft zu sein. Darüber hinaus möchte ich Wien in verschiedenen Kreisen als „Innovationshub“ etablieren. 

Was ist Dein derzeitiger Hauptjob?

Ich bin seit kurzem Associate Investment Manager bei der Wiener Startup-Schmiede i5invest (i5invest.com). Dort betreue ich mehrere Startup Investments mit, insbesondere zu den Themenfeldern E-Commerce und Performance Marketing. Ein sehr spannendes Umfeld, das mir zur Zeit die perfekten Rahmenbedingungen für meine persönliche und berufliche Weiterentwicklung bietet, nicht zuletzt weil ich selbst ein „Techie“ bin.

Danke für das Interview und – viel Erfolg!

Marion Fugléwicz-Bren ist freie Autorin in Wien.

Zu TEDxVienna Die dritte TEDxVienna unter dem Motto INSTANITY: everything now findet am 3. November im Theater Odeon, 1020 Wien, statt. Informationen hier.

Zu Vlad Gozman