Die digitale Bildungsrevolution muss in der Praxis ankommen

Mit dem Buch „Die digitale Bildungsrevolution“ legen die Denker der Bertelsmann-Stiftung, Jörg Dräger und Ralph Müller-Eiselt, mehr als 20 Jahre nach Erfindung des World Wide Web ein Buch vor, das für Deutschland, aber auch für Österreich die zentrale Spannung auf den Punkt bringt: Die Digitalisierung bringt alles in Fluss, während das Bildungssystem weitgehend in Starre verharrt.

Drei Aspekte charakterisieren diese zentrale Spannung: Das Internet bricht die Zugangshürden nieder, die IT macht Personalisierung möglich, und mit Big Data durchdringt Maschinenintelligenz den gesamten Prozess. Die Antreiber dieser Entwicklungen sind bekannt und Konsequenzen sind unterschiedlich sichtbar.

Besonders griffig und wichtig im Buch sind die Rede von „Qualität ohne Qual“ und die Erläuterungen, wie spielerisches Lernen zum Erfolg führt. Denn sie nehmen die Angst vor der digitalen Entwicklung und weisen auf die Potentiale hin.

Hohes Potential des spielerischen Lernens

Gerade im Bildungsbereich eröffnet die Digitalisierung durch Interaktivität und Multimedialität neue Möglichkeiten der Motivierung. Anstelle von abstrakter Wissensvermittlung tritt das konkrete spielerische Lernen. Damit lassen sich ernsthafte Themen und Inhalte effektiv und effizient vermitteln.

MicroLearning: Schwierige Inhalte werden leicht

Besonders gute Resultate lassen sich dann erzielen, wenn dicke Konvolute oder dürre Handbücher, steife Nomenklaturen oder trockene Regelungen, die nur widerwillig gelernt geschweige denn durchgearbeitet werden, in kleine Lerneinheiten gegliedert werden. Anstelle des langweiligen Offline-Rezipierens tritt ein Online-Lernen in kleinen Schritten. Die kleinen Lernaktivitäten lassen sich im Alltag gut einschieben und die digitale Technologie ermöglicht es, in einen „Flow“ zu kommen. An die Stelle von blockierendem Frust tritt energieschaffender Fleiß.

Die horizontale Rezeption wird vom eigenen Wissensnetz abgelöst

Die Autoren zeigen auch gelungen auf, wie die digitalen Medientechnologien Rezeptions- und Produktionsweisen dramatisch verändern: Das horizontale Lesen löst die vertikale Informationssuche ab. LeserInnen werden auch dadurch zu besser Lernenden, weil sie in ihrer Verstehensarbeit durch integrierte Suchfunktionen – von Begriffsübersetzungen zu Konzepterläuterungen via Hyperlinks – bislang nicht gekannte Möglichkeiten haben. Dadurch und in Verbindung mit MicroLearning schaffen sie sich ein Wissensnetz, das ihnen und ihrem Gedächtnis Halt bietet und gibt. Digitalisierung ermöglicht so ein „Just-in-Time Learning“, von dem Bildungspsychologen und Schulreformer bislang nur träumen konnten: Am Höhepunkt des Interesses wird der richtige Inhalt verfügbar und die Lernleistung durch ein durch den suchenden Verstand angeregtes Gedächtnis optimiert.

Digitalisierung dreht das Klassenzimmer um: Lernen im Alltag

Kulturpessimisten klagen schon seit längerem über „continuous partial attention“ (so Linda Stone bereits 1998). Die Denker der Bertelsmann Stiftung zeigen die andere Seite der Medaille. Das Klassenzimmer oder der Seminarraum sind nicht mehr die privilegierten Orte, in denen die Tätigkeit des Lernens stattfindet. Im Gegenteil: NutzerInnen können gerade mit dem MicroLearning das Lernen in den Alltag integrieren.

Für die Bereiche von Grund-, Aus- und Weiterbildung kommt dies einem gänzlichen Umdenken gleich: Die Aktivitäten im Klassen- bzw. Seminarraum drehen sich um. Lernende lösen dort gemeinsam Aufgaben – sprich machen Hausaufgaben oder Arbeiten projekthaft an Problemfällen und deren Lösungen. Der Informationstransfer und die Wissensverfestigung finden aber vornehmlich ganz woanders statt: zu Hause, im Bus, in der U-Bahn – eben dort und dann, wenn man Zeit und Aufmerksamkeit hat, vor allem aber auch Lust.

Der Begriff des „Flipped Classroom“ bringt diese Entwicklung auf den Punkt: Hausaufgaben werden in der Schule gemacht, und die traditionelle Unterrichtstätigkeit findet per Video zu Hause statt. Das führt zu gewaltigen Veränderungen: Durch die digitale Bildungsrevolution werden LehrerInnen live zu Coaches und digital zum Wissensvermittler.

Wissenskarten-Apps und Multiple-Choice-Online-Tests einsetzen!

MicroLearning erlaubt es, diese neuen Schritte zu beschreiten. Es beweist, dass alternative Formen der Wissensvermittlung (etwa Lernkarten-Apps) äußerst handhabbar und einfach einzusetzen sind und mit gängigen Formen der Wissensüberprüfung (etwa Online-Multiple-Choice-Tests) nicht nur direkt verbunden werden können, sondern diese sogar durch spielerische Lösungen ersetzen können.

Die neuen Geräte und Erfindungen aus dem Lehren und Lernen mehr oder weniger zu verbannen, ist romantisierende, die vergangenen Realitäten verzerrende Nostalgie. Die digitale Bildungsrevolution muss in den Köpfen der Entscheider und dann in der Praxis zügig ankommen.